Leben

Die folgenden Zeilen spiegeln nur einen Auszug aus meinem Leben wider. Es sind vor allem die Jahre meiner Kindheit, wo das Gesehene und Erlebte meine kognitive Entwicklung mit zunehmendem Kleinkindalter entscheidend geprägt haben. Die einschneidenden Erfahrungen und Erlebnisse haben mir rückblickend geholfen mein kindliches Denken bereits in den frühen Jahren meines Lebens sehr schnell vom Konkreten zum Abstrakten und vom Einfachen zum Differenzierten zu entwickeln. Meine Herkunft und Vergangenheit helfen mir heute meine Gegenwart und Zukunft integrierter, systematischer, flexibler und letztlich angepasster und noch bewusster zu gestalten.

 

...hier einige chronologische Punkte aus meinem persönlichen Lebensgraphen

1977

irgendwann  Ende November setzte sich Mehmet im Rennen seines Lebens gegen 15 Millionen mitkonkurrierende Spermien mit einer Geschwindigkeit von 5 mm/min und einem hauchdünnen Vorsprung von 0,05 mm durch und disqualifizierte in dieser Millisekunde alle seine möglichen Geschwister. Das war sein erster und wichtigster Sieg. Zum gleichen Zeitpunkt wartete draußen in der großen Welt sein um 17 Monate älter Bruder Mustafa, der dieses Rennen bereits gegen Ende Juni 1975 erfolgreich für sich entschieden hatte und sich am 8.3.1976 als Sieger und erstes Kind der Familie zeigte.

1978

am 7.8 um 00:07 in Krumovgrad/Bulgarien gesellte sich Mehmet nach ca. 280 Tagen oder ca. 10 Mond-  bzw. 9 Kalendermonaten Aufenthalt auf der Siegesfeier seines Lebens, wo er Tag und Nacht mit Händen und Füßen im Bauch der Mutter gegroovt hatte, in den Kreis seiner Familie.

1978-1981

kann sich Mehmet an keine besonderen Vorkommnisse erinnern. Er weiß aus den Erzählungen der Mutter, dass er mit seiner inneren Software der Hardware viel Ausscheidungsmaterial produziert hat und das Endteil seiner Lüftung immer wieder mit einem neuen Saugfilter gewickelt wurde.

1982-1985

Gemeindekindergarten Zvanarka/Bulgarien - ab hier kann ich mich an fast alle Erlebnisse und Ereignisse erinnern und springe von der Erzählform in der 3. Person auf die persönliche Ich-Form.

1984

erstes einschneidendes Erlebnis: im Herbst 1984 verlor ich meinen Namen Mehmet Arif Mustafa. Dieser  wurde von der kommunistischen Regierung unter Bulgariens Diktator Todor Jivkov in Dejan Arsenov Tchaouchev geändert und somit bulgarisiert.

1985-1988

Volksschule Zvanarka/Bulgarien - die ersten poetischen Erfahrungen, ein schneller Kopfrechner, ein Schlitzohr und ein ehrgeiziger Fußballspieler.

1986

Hab ich zum ersten Mal eine WM vor dem TV live erlebt. Mexico 1986! Diego Maradona und die lange Hand Gottes! Eine super WM und ein Weltklasse Numero 10! Muchas gracias para ese flamante número 10.

1987

Frühling – und zum ersten Mal verliebt - in die sehr hübsche und moderne Volkschullehrerin Mogilska, die damals neu an die Schule kam. Am 8. März 1987, am Weltfrauentag, verfasste ich nur für sie mit Hilfe meiner Mutter das erste Liebesgedicht und habe es ihr mit viel Liebe in einem Kuvert überreicht. Kam sehr gut an. Ich wurde herzlich abgeknutscht und bekam von ihrer Seite große Sympathiewerte. Im Sommer desselben Jahres versuchte ich zum ersten Mal lustig und cool zu sein. Gemeinsam mit Freund Orhan haben wir die Unterhosen der Nachbarin von der Wäscheleine runtergenommen und sie beim Spielen über die langen Hosen angezogen. Es war für uns ein dreifacher Eierschutz: mit der eigenen Unterhose von Innen, mit der langen Hose in der Mitte und von Außen die sexy Unterhose der Nachbarin von der Leine. Später als das aufflog, wurde ich  von meiner Mutter mit einem Dornenstab geschlagen und paniert und habe danach nie wieder so etwas Ähnliches gemacht. Im Herbst desselben Jahres habe ich 7 jährig eine 100mm rote Marlboro Zigarette aus der Jacke meines Vaters, der immer wieder westliche Produkte konsumierte - obwohl sie verboten waren - genommen und versucht diese mit Freunden im Wald zu rauchen. Es blieb auch beim Versuch. Es war mir so schlecht und übel, dass ich bis heute nie wieder eine Zigarette zwischen die Lippen gezwickt habe. Das war meine erste und letzte Zigarette und auf diese bin ich aus heutiger Sicht sehr stolz.

1988-1989

Mittelschule Ivan Vazov/Zvanarka/Bulgarien - Die bulgarischen Lehrer, die aus dem Inneren des Landes kamen und uns ihr konditioniertes Wissen über Geschichte, Philosophie und Werte des kommunistischen Regimes vermitteln mussten, hatten die türkischen Schüler besonders gut im Auge. Doch wir haben uns nie unterkriegen lassen und haben stets für mehr Freiheit, Recht und Respekt gekämpft. Dieser Kampf hat die türkischen Schüler noch ehrgeiziger, stärker und wiffer gemacht und entscheidend geprägt.

1989

Frühjahr - zweites einschneidendes Erlebnis. Beim Schulfußballturnier als Klassenmannschaftskapitän aus dem Prestigespiel gegen die A-Klasse ausgeschlossen. Grund: Sprechen der Türkischen Sprache, die seit 1984 in der öffentlichen Ausübung verboten war. Verraten von einem türkisch-bulgarsichen Roma. Bestellung vor die Schuldirektorin. Kurze Belehrung über die Anwendung der Türkischen Sprache im Bulgarischen Territorium. Die Sperre aus dem Fußballturnier blieb aufrecht. Keine Anfechtung der Entscheidung beim Studienrat oder bei Amnesty International. Zwei Wochen waren mein Sportlerherz und ich mental angeschlagen, noch immer habe ich diesen Vorfall in Erinnerung behalten und werde ihn nie vergessen. Im gleichen Jahr große politische Entwicklungen in Bulgarien und im gesamten ehemaligen Ostblock.

1989

Frühsommer - erste Lockerung der strengen Reisebestimmungen für die Türkische Minderheit für Reisen ins Mutterland. In der Folge Ausbruch einer großen Auswanderungswelle. Für viele war die Auswanderung freiwillig und für die etwas mehr gebildete Schicht der türkischen Minderheit bestehend aus Lehren, Ärzten, Wissenschaftlern und anderen führenden Positionen führte der Weg zur Freiheit nur über eine Deportation in die Türkei oder in den Westen. Somit wurde die Organisation eines Aufstandes gegen das Regime verhindert und alles verlief Gott sei Dank friedlich.

1989 

August – ich helfe meiner Familie das persönliche Hab und Gut einzupacken und reihe mich im Auto sitzend gemeinsam mit meinem Bruder, meinen Eltern und meiner Urgroßmutter, die meine Großeltern väterlicherseits überlebt hatte, in einer km langen Kolonne von Auswanderern. Nachdem bereits 1,5 Millionen bulgarische Türken die Grenze ins Mutterland passiert hatten, blieb der türkischen Regierung unter Ministerpräsident Turgut Özal, nichts anderes übrig, als die Grenzen zu schließen. Die erste Hälfte des wahren Grundes war, dass die Türkei überfüllt war und keine freien Kapazitäten mehr für weitere Flüchtlinge aus Bulgarien hatte. Kein Wunder- die Türkei war schlicht und einfach auf diese große Welle nicht vorbereitet. Die zweite wahre Hälfte liegt in der guten geostrategischen Entscheidung der Türkei. Wir wurden nach dieser mit vielen Hunderten von der Grenze zurückgewiesen und mussten weiter in Europa bleiben, was für uns rückblickend die bessere Lösung war und noch immer ist.

1989

September- die Schule fing wieder an. Die Lehrer haben es uns richtig spüren lassen was und wer wir sind. Fragen wie „Warum seid ihr den wieder zurück? Will euch euer Mutterland auch nicht haben? Warum seid ihr von uns abhängig?“ waren sehr beliebt und standen sehr groß im Lehrplan. Der wahre Grund für diese gehässigen Fragen lag nicht am sehr heißen Sommer, sondern ganz wo anders. Als die große Auswanderungswelle ausbrach, waren die Tabakplantagen voll mit erntereifen Tabakblättern. Die schwere Tabakwirtschaft, die mit Nikotin und Teer für große und gesunde Lungen sorgt, war vorrangig vor die türkische Minderheit reserviert. Sie hatten für solche Tätigkeiten immer den Vorzug bekommen. Leider konnten sie nach dem Ausbruch der Reisefreiheit in die Türkei von diesem Vorzugsrecht nicht Gebrauch machen und ihrer beliebten und so viel Geld bringender Arbeit nachgehen. Diese Lücke wurde von den in der Überzahl vorhandenen bulgarischen Lehrern während der so langen und heißen Schulferien, wo man ohnehin unterbeschäftigt war, laut einem schnellen Regierungsplan zwangsgefüllt. Die Lehrer bekamen dafür selbstverständlich eine Urlaubsentschädigung  aus ihren Erntemengen. So kamen auch sie in den Genuss diese dankbare Schweißarbeit zu verrichten. Wir hörten dann aus dem Unterton ihrer netten Fragen heraus, wie angenehm der Sommer für sie war. Diese vorprogrammierten Reden mit Interferenzstörungen wollten unsere Ohren nicht mehr hören und unsere Herzen nicht mehr ertragen. Mein Vater hatte gute Beziehungen zur Polizei. Er organisierte für uns die Reisedokumente, die in allen Ländern der westlichen Welt ihre Gültigkeit hatten.

1989

Oktober - wir verließen Bulgarien in einer Nacht und Nebelaktion mit 4 Gepäckstücken und insgesamt 2000 bulgarischen Leva. Der monatliche Durchschnittslohn meiner Mutter als Bibliothekarin betrug damals 120 Leva. 2000 Leva waren die Summe, die man damals frei ausführen durfte. Alles was darüber hinausging wurde an der Grenze konfisziert. Hinterlassen haben wir damals neben meiner einzigen und viel geliebten Urgroßmutter Nebis auch unser Haus und Land. Um meine herzige Urgroßmutter nahmen sich netter Weise unsere verbliebenen Nachbarn und ihre einzige noch lebende Tochter Hanime.
Unsere lange Zugreise mit vielen langen Wartezeiten an den Grenzen zwischen Bulgarien /Ex-Jugoslavien und Ex-Jugoslavien/Österreich fing in Sofia an, führte über Belgrad, Zagreb, Mariborg nach Graz und endete am Wiener Südbahnhof. Die Ansagen über die Lautsprecher „Willkommen  Wien Süd – Zugendbahnhof – Das ÖBB Team wünscht Ihnen einen angenehmen Wienaufenthalt. Für Weiterreisende gibts die Umsteigemöglichkeiten auf Bahnsteig A nach Budapest, Bahnsteig C nach Dubrovnik, Bahnsteig  E nach Floridsdorf“ hörten sich für uns an wie eine Waschmaschine beim Schleudern mit 1200 Umdrehungen und Null Programminhalt.
Mit der Ankunft am Südbahnhof begann für uns ein neuer Lebensabschnitt, der mich persönlich im Nachhinein sehr geprägt und zu dem gemacht hat, was und wer ich heute bin. Ich möchte meiner Zeit - die ersten 30 Tage in Österreich – aus persönlichen Gründen einige ausführlichere Zeilen widmen, damit es für euch lieben Leser und Homepageschauer auch verständlicher und klarer wird.

Die ersten 30 Tage in Österreich

Der Kampf ums überleben fing bereits an, als wir unser Zugabteil verlassen und keinen Dach mehr über unsere Köpfe hatten.
Der Südbahnhof war für uns gleichzeitig Endstation und der Beginn eines neuen Lebensabschnitts, der Österreich hieß. Ein westliches, demokratisches, freies und friedliches Land - das war alles neu für uns. Diesen Zustand und diese Tatsachen haben wir bereits am Bahnhof gespürt. Es niemand da, der uns beobachtete, abhörte, aufhielt und uns investigative Fragen stellte. Wir haben die Freiheit wohlwollend und rasch angenommen und haben uns mit der Situation vertraut gemacht, dass wir freie Menschen waren. Wir waren zwar frei, aber gleichzeitig waren unsere Hände und Füße gebunden. Mit paar Worten Englisch, mit Konversationsrussisch und kein Wort Deutsch waren unsere Zungen schwer, unsere Köpfe orientierungslos und mit 2000 Leva (mit dem damaligen Wechselkurs 1 Leva = 1 Schilling) waren unsere Tage auf der Straße gezählt. Beim Bäcker am Südbahnhof kostete ein Brot 20 Schilling. Wir merkten schnell, dass das Geld, was wir aus Bulgarien ausführen durften, gerade mal für 100 Brote ausreichen würde. Diese Rechnung fühlte sich in unseren Magengruben wie ein Schlag von einem Boxschwergewichtsweltmeister an. Kein Wort Deutsch, kein Dach über unseren Köpfen, keinen Plan und 2000 Schilling:  das war unsere Ausgangsituation.
Hart aber nicht ziellos, denn zurückkehren wollten wir für keinen Preis und auch nicht für den des bitteren Notes. Mein Vater, wollte sich zunächst der Polizei nicht stellen, da er Angst hatte zurückgeschoben zu werden. Noch am Bahnhof hat er erfahren, dass es in Traiskirchen ein Flüchtlingslager gibt, doch ein anderer bulgarischer Flüchtling hat ihm diesen Ort mit der Begründung, dass man dort in die Quarantäne gesteckt wird, abgeraten. Das hat uns zunächst davon abgehalten diese Möglichkeit - ein Dach über den Kopf zu bekommen - in Erwägung zu ziehen. Wir mieden diesen Platz zunächst und verbrachten die Tage und Nächte der ersten Woche am und im Park beim Südbahnhof. Es war Oktober. Die Tage wurden kürzer, die Nächte länger und kälter. Die Nerven und Kämpferherz meines Vaters waren nicht so resistent gegen diese Notsituation in Freiheit. Er wollte unbedingt in die Türkei, wo wir Verwandte und Bekannte hatten und die Sprache dieser Kultur beherrschten. Wir suchten die türkische Botschaft in Wien auf und suchten um ein Einreisevisum an. Das Ansuchen war notwendig, da wir als bulgarische Türken keine türkischen Staatsbürger waren. Uns wurde vom Botschaftspersonal gesagt, dass man zum damaligen Zeitpunkt nicht über ein Drittland in die Türkei einreisen darf, sondern direkt vom Stammland. Die Gründe, waren irgendwelche politische. Es herrschte ja schließlich noch immer der kalte Krieg. Die Einreise über ein Drittland, war nur möglich, wenn man in der Türkei Verwandte mit langjährigem Hauptwohnsitz, die für die einreisenden Angehörigen sozial und finanziell aufkommen konnten, hatte. 1989 hatten wir dort nur den Cousin meines Vaters, der mit seiner Familie 1978 nach Izmir emigriert hatte. Wir gaben diesen als unseren Verwandten auf der Botschaft an. Diese überprüfte die Richtigkeit unserer Angaben, die auch gestimmt haben, doch wir bekamen kein Einreisevisum. Der liebe Cousin meines Vaters hat bei der Botschaft angegeben, dass er unsere Familie nicht kennt. Diese falsche Tatsache fühlte sich in unseren Magengruben wieder wie ein Schlag von einem Boxschwergewichtsmeister an. Meinem Vater flossen die schweren Tränen so leicht über seine Wangen, dass ihn meine resolute Mutter zunächst mal beruhigen musste und ihn erinnerte, dass er ein Mann ist. Später erfuhren wir die wahren  Gründe für unsere Ablehnung. Diese waren nicht, dass der Cousin meines Vaters meine Familie nicht kannte oder vergessen hatte, sondern viel mehr, dass seine Familie geizig war und wir für sie aus finanziellen Argumenten die großen Unbekannten und Fremden waren. Dieses unvertraute und unverwandte Verhalten haben wir dieser Familie bei unseren späteren Besuchen nie vorgeworfen bzw. haben es nie zum Thema werden lassen, denn wir waren stets stark, haben es für uns behalten und ließen uns nichts anmerken, dass uns der wahre Grund bekannt war.

Dieser Tag in der Botschaft war für uns alles sehr traurig und niederschmetternd. Die Leute, die in die Botschaft kamen, sahen uns in dieser Situation im Hof des Hauses, wo wir an der frischen Luft nach neuen Kräften suchten.  Weil es unter den Türken, so wie unter allen Völkern auch, hilfsbereite Menschen mit großen Herzen und dicken sozialen Adern gibt, sind wir in unserer Not einem Türken aufgefallen, der sich freiwillig und herzlich um uns annahm. Herr Muzafer Pece, wurde ab diesem Moment für meinen Vater, der 3 Schwestern hat aber keinen Bruder, zu dem was er nie hatte – zu seinem Bruder. Für ihn ist er heute noch sein großer Bruder und für mich und meinem Bruder unser Onkel, denn wir väterlicherseits logischerweise auch nie hatten. Zunächst hat er für uns auf der Botschaft von den in der Schlange stehenden Leuten Spenden gesammelt und uns später in seiner Familie als Gast aufgenommen. Seine Frau war damals im 7. Monat schwanger. Sie hatten zu diesem Zeitpunkt schon eine Tochter in meinem Alter und einen Sohn. Wir Türken lieben es in einer großen Familie zu leben, so war das dritte Kind auch schon unterwegs. Der Yucel, der damals im Bauch seiner Mutter war, ist heute so alt wie wir in Österreich sind und leben - 19 Jahre. Wir sind dieser Familie ewig für ihre Hilfe und warmherzige Gastfreundlichkeit dankbar und werden ihr entgegenkommendes Verhalten nie vergessen und immer zu schätzen wissen. Rückblickend waren es SIE, die uns geholfen haben hier Fuß zu fassen. In dieser einen Woche, konnten wir uns in Ruhe einen ’’Plan’’ über unser Verbleib in Österreich machen. Meine Eltern hatten die Ruhe, das Dach über ihre Köpfe und die Zeit sich den nächsten entscheiden Schritt zu überlegen. Diese familiäre Situation bei Herrn Pece hat uns ein klares Licht über die nächsten Wochen gebracht. Natürlich konnten wir dort nicht ewig bleiben. Die Frau Pece war schwanger, die Wohnung war eine kleine am Margarethenplatz, wo Herr Pece neben seiner Tätigkeit als Druckereiarbeiter, als Hausmeister arbeitete. Wir haben uns nach Herrn Peces Ratschlag bei der Polizei als Flüchtlinge gemeldet und unsere Reisepässe abgegeben. Die Polizei hat uns geraten uns im Flüchtlingslager in Traiskirchen zu registrieren und dort um ein politisches Asyl anzusuchen. Daraufhin schnappten wir unser ganzes Reisegepäck, je 2 große Reisetaschen und Koffer, die wir im Keller eines türkischen Gemüsehändlers bei der Botschaft in der Prinz Eugenstrasse , wo wir mit illegalen kurdischen Flüchtlingen einige Tage verbrachten, aufbewahrt hielten. Mit der Badner Lokalbahn, natürlich schwarz, fuhren wir schließlich zum Flüchtlingslager nach Traiskirchen. Dort wurden zunächst unsere Daten aufgenommen und ein  Gesundheitscheck mit uns gemacht. Damit sollte festgestellt werden, ob wir irgendwelche ansteckende Krankheiten wie Tuberkulose usw. mit ins Land geschleppt haben oder nicht. Wer ein Mitschlepper war, kam in die Quarantäne, der letzte Stockwerk im Flüchtlingslager. Somit hatte der bulgarische Flüchtling am Bahnhof nur zum Teil Recht. Nach bestandenem Gesundheitscheck mussten meine Eltern mit Hilfe eines Dolmetschers zum Interview, wo sie die Gründe unseres Flüchtens angeben mussten. Wir hatten auch die Möglichkeit anzukreuzen, ob wir weiter nach Amerika, Australien oder Kanada emigrieren wollen. Die 3 großen Länder, die noch immer stark von der Emigration abhängig sind und leben, waren neben zahlreichen europäischen Ländern, jene die man neben Österreich zusätzlich als neue Heimat wählen durfte. Also die Wahlmöglichkeit war schon sehr großzügig und für uns damals eine sehr schwierige Entscheidung. Nach 2 Wochen in Traiskirchen, wo wir in Stockbettzimmern, ähnlich wie in einer Kaserne, mit anderen Flüchtlingen untergebracht waren, wurden wir mit 2 anderen türkisch-bulgarsichen Familien in eine Flüchtlingspension nach Waldhausen in Oberösterreich umgesiedelt. Es war ein altes Hotel zur Post, wo im Winter Flüchtlinge untergebracht wurden. Im Sommer wurde es dann für den Aufenthalt von Touristen aus Deutschland und Holland frisch rausgeputzt. Wir hatten dort 2 Doppelzimmer bekommen. Meine Eltern hatten Zimmer Nr. 2, mein Bruder und ich Zimmer Nr. 3 und neben uns waren im Erdgeschoss noch 2 Familien untergebracht. Wir bekamen dort 3 Malzeiten pro Tag und vom Flüchtlingsfond 1000 Schilling pro Monat und Familie zum Leben. Das Essen schmeckte uns leider gar nicht. Vor allem mit dem schwarzen Hausbrot mit Kümmel konnten wir uns zunächst überhaupt nicht anfreunden. Wir kannten das aus Bulgarien, wo wir zu allem Weißbrot aßen, sogar zu Nudeln, nicht. Die 1000 Schilling reichten gerade für Körperpflegemittel und für uns Kinder für paar Süßigkeiten und Getränke aus. Es blieb meinem Vater und den zwei Männern der Nachbarfamilien, Herrn Abtraimabi und Herrn Mümüminabi, nichts anderes übrig, als mit dem Wörterbuch in der Hand und mit einem Zettel mit der Phrase  ’’Wir suchen arbeit!’’ bei den Bauern in der Umgebung an der Tür zu klopfen. Sie hatten Glück. Ihre erste Arbeit war die Markierungen der Parkplätze des örtlichen Supermarkts mit weißer Farbe nachzuziehen. Das war auch bereits nach 2 Tagen erledigt. Die nächsten Tätigkeiten waren als Holzfäller und als Bauarbeiter bei irgendwelchen Bauern mit Arbeitskräftebedarf. Alles war natürlich Pfusch und die Bezahlung auf die Hand. Wir hatten das Geld jeden Tag dringend notwendig. So vergingen die Tage, Wochen und Monate im Flüchtlingslager. Am 15. November erfuhren wir via Radio und TV, dass der Kalte Krieg zu Ende ist und dass die Grenzen des Ostblocks aufgemacht wurden. Im Fernsehen liefen Bilder über libanesische Flüchtlinge, die das Land während und nach dem Bürgerkrieg verlassen hatten und von der blutigen Revolution in Rumänien, wo der Diktator Nicolae Ceausecu gestürzt und hingerichtet wurde. Nach und nach kamen viele Flüchtlinge auch aus diesen Ländern nach Österreich und einige sogar nach Waldhausen. Andere stammen auch aus Bulgarien und waren so wie wir bulgarische Türken. Weiters waren Iraner, Mazedonier, Bulgaren, Ungarn, Tschechen usw. unter ihnen. Das Hotel war Ende Dezember voll mit Flüchtlingen. Die neuen begannen auch Arbeit zu suchen und es brach ein harter Konkurrenzkampf um die Pfuschstellen aus. Es ging soweit, dass Streitereien im Flüchtlingsheim und der Kampf, durch sich erwachsene Männer und Frauen gegenseitig die Stundenpfuschlöhne hinunterschraubten und sich gegenseitig geschadet hatten, den Alltag beherrschten. Die lachenden dritten waren die armen Bauern, die nun für weniger Geld die gleiche Leistung bekamen.
Damals war Waldhausen eine 1000 Seelengemeinde. Auf der Landkarte und im realen Leben ein Kaff und ihr berühmtester Sohn ist heute einer der bekanntesten deutschsprachigen Kabarettisten Josef Hader.

1990

Frühjahr – uns wurde nach dem Asylverfahrensgesetz ein politisches Asyl gewährt und wir waren somit anerkannte Flüchtlinge. Mit diesem Status wurden wir Österreichern gleichgestellt. der einzige Unterschied bestand, rein rechtlich gesehen, darin, dass wir nicht stimmberechtigt waren. In Waldhausen ging ich mit meinem Bruder in die Hauptschule. Unsere Deutschkenntnisse waren leider Gottes nicht ausreichend genug, dass wir uns aktiv am Unterricht beteiligen konnten. Die einzigen Gegenstände, wo wir aktiv mitarbeiten konnten, waren Turnen und Mathematik. Daraufhin haben wir uns entschlossen gemeinsam mit den Eltern einen Deutschkurs für Flüchtlinge in der Volkshochschule in Perg/ OÖ  zu besuchen. Im Sommer desselben Jahres ließen wir uns von der zuständigen Flüchtlingsbehörde in Bad Kreuzen in OÖ in das Flüchtlingslager in Linz versetzen. Die Chancen in einer Großstadt eine bessere Infrastruktur, mehr Möglichkeiten zu haben und eine Arbeit zu finden, waren besser gegeben. Wir bekamen diese auch und wussten sie zu nutzen. Meine Mutter fing in einer Fabrik, wo  Wasserwaagenlibellen produziert wurden und mein Vater bei der Baufirma, Stuag, zum arbeiten an. Meine Eltern ließen gleichzeitig meinen Bruder und mich nach Absprache mit dem Landesschulrat und dem Schuldirektor, in das Bundesrealgymnasium Fadingerstraße in Linz einschreiben. Unsere guten Schulnoten in Bulgarien waren ein entscheidender Faktor aber konnten uns nicht viel helfen. Unsere Deutschkenntnisse waren noch immer so schlecht, dass sich mein Klassenvorstand, Frau Edhoffer, um uns nach ihren Unterrichtsstunden annahm und uns Nachhilfe gab. An dieser Stelle herzlichen Dank vor allem an Frau Edhoffer und an Frau Braunbock, unsere Schulsekretärin, die uns großartig unterstützten. Dank auch an alle Lehrer, die uns gefördert und an uns geglaubt haben.

Das Geld, was unsere Eltern damals verdienten, reichte für die Miete, den Lebensunterhalt und für paar neue Möbeln in der Genossenschaftswohnung aus. Für den Führerschein, den meine Eltern beide mit 37 Jahren in Österreich machten und für das erste Familienauto musste ein Privatkredit aufgenommen werden. Diese Ausgangslage war für mein Taschengeld, das sich bei 20 Schilling pro Woche bewegte, der größte Feind. Diesen Zustand zu besiegen, fing ich 12 jährig ab Mai, wo der Linzer Parkbad aufsperrte, an den heißen Tagen leere Flaschen zu sammeln und den Einsatz, den die konsumierenden Gäste bezahlt hatten, zurück zu erstatten. Damals war ich ein kleiner Zwerg und viele Besucher konnten mir aus Mitgefühl oder –leid nicht nein sagen. Auch diesen vielen unbekannten Gesichtern möchte ich an dieser Stelle Danke sagen. Sie ermöglichten mir damals meine Familie ein wenig zu unterstützen. Schließlich war das für meine Familie und mich viel Geld. An heißen und guten Wochenenden waren es an die 200-300 Flaschen und der Einsatz bewegte sich bei 2 Schilling pro zurückgebrachte Pfandflasche.  Das war mein erster „Ferialjob“ im Alter von 12 Jahren.

Nach dem Motto - „Der Anfang ist immer das Entscheidende, hat man’s darin gut getroffen, so muss der Rest mit einer Art von innerer Notwendigkeit und Bereitschaft gelingen.“ - möchte ich an dieser Stelle mit meinen Zeilen aufhören.

Alles was danach kam, passierte, mal gelang, mal misslang und alles was noch kommen wird, werde ich euch live von der Bühne aus erzählen.

In diesem Sinne schaut mal vorbei bei Austronak und öfters auf diese Seite.

 

Mehmet Kurt